Über Gewicht Sucht- und Sinnfrage

Bei Menschen, die als esssüchtig gelten, spielt das Essen eine zentrale Rolle in ihrem Leben und ist immer konfliktgeladen. Esssüchtig sein bedeutet, daß der Tagesablauf und das ganze Leben vom essen, nicht-essen, diät-halten, hungern, fasten, zu- und abnehmen bestimmt wird. Nicht nur die Essanfälle und das wiederkehrende Überessen sind quälend und zeitraubend, weit mehr Raum nehmen die ständigen Gedanken daran ein: darf ich oder darf ich nicht essen? Was esse ich? Wieviel esse ich? Habe ich schon wieder gesündigt? Nehme ich vielleicht zu? Wie schaffe ich es, wieder abzunehmen? Wie kann ich mein Gewicht halten?
Essanfälle und Zuvielessen sind verbunden mit starken Schuldgefühlen, Vorwürfen und Selbsthass. Es entsteht einerseits ein Gefühl von: eigentlich keinen Bissen essen dürfen, so daß selbst normale Mengen mit Schuldgefühlen gegessen werden und andererseits eine Gier nach Essen, die dann häufig heimlich befriedigt wird. Folglich bleibt der Kreislauf von Schuld und Scham darüber, sich nicht mehr unter Kontrolle zu haben, bestehen.
Die Fixierung auf das Suchtmittel essen, die den Tagesablauf bestimmt, das Denken blockiert, das Handeln darauf ausrichtet, lässt Distanz zu anderen Menschen entstehen, Interessen werden vernachlässigt, die Isolation nimmt zu. Entstehende Leere wird mit Essen erfolglos bekämpft. In der Regel geschehen diese Abläufe im geheimen, was bei Menschen, die nicht offensichtlich über- oder untergewichtig sind, Jahre bis Jahrzehnte unentdeckt bleibt.


Die ständige Beschäftigung mit essen bietet allerdings auch Schutz vor unliebsamen, unangenehmen, verunsichernden und angstmachenden Situationen. Das Essproblem wurde entwickelt, um sich von Spannungszuständen zu befreien und unangenehme Gefühle zu betäuben. Gewiß bedarf es einer Entscheidung sich auf den Prozess des Eingeständnisses und der Bewusstwerdung einzulassen. Gleichzeitig entsteht durch den Mut, sich selbst das eigene Verhalten zuzugestehen und damit nach außen zu gehen, sich Hilfe zu holen, eine erste Befreiung vom Esszwang. Kein Mensch ist mit diesem Problem allein.
Nach der ersten Entlastung durch Eingeständnis und Aussprache geht die Entwicklung und der Aufbau der Verantwortung weiter. Das bedeutet in erster Linie Wahrnehmung und Akzeptanz von Gefühlen, Spannungen. Nicht zwangslaüfig gleich Veränderung, eher im Sinne von: be-achten und aus-halten. Verantwortung übernehmen heißt auch: passive Erwartungshaltung aufgeben und Essgewohnheiten ändern, nämlich die Kontrolle lockern. Kein Nahrungsmittel an sich macht dick, sondern die Gesamtmenge pro Tag im Verhältnis zum Energieverbrauch. Es wird nicht gegessen, was schmeckt, sondern was angeblich nicht dick macht. Die Lust bleibt auf der Strecke, der Teufelskreis von versagen und Gier endet im Nachholbedarf. Selbstbestimmt essen und damit lockern der Kontrolle, heißt zu lernen, immer wieder frei zu entscheiden und zu bestimmen, ob gegessen wird oder nicht. Es ist möglich, den Moment, wann normales essen in süchtiges essen umschlägt, herauszufinden. Es ist nicht notwendig in der Opferhaltung und dem sich ausgeliefert sein fühlen zu verhaften. Das bedeutet immer wieder innezuhalten, seine Gefühle und Gedanken ehrlich zu prüfen. Im Übrigen kann das Gehirn das Signal: satt -nicht unmittelbar aus dem Magen empfangen; es braucht dafür ungefähr zwanzig Minuten.

Oftmals gehen Gefühle von Widerstand mit der neu getroffenen Entscheidung und den neu entwickelten Wahlmöglichkeiten einher. Diese Blockaden wollen genauso gesehen und anerkannt werden Ein geschützter Rahmen und professionelle Hilfe sind dabei empfehlenswert. Menschen möchten so wie sie sind anerkannt werden und als wertvoll geachtet sein, was letztendlich in jedem von uns selbst eingebettet ist.
 
 
Ergänzung zum Artikel:

Der vermeintliche Ausweg im überessen, nichtessen und übergeben stellt Lösungsversuche dar, Gefühlen von Leere und Nichtssein zu begegnen. Es wird um eigene Identität gerungen in einer Gesellschaftsform, die weniger auf das Miteinander in Beziehungen ausgerichtet ist, als vielmehr isolierte Einzelwesen fördert. Das notwendige Erleben von Sicherheit und Seinserfüllung, die aus einem festen Beziehungsgefüge wachsen könnten, ist nicht mehr gewährleistet und damit muß die Grundlage für ausreichendes Selbst-wert-gefühl einzig aus der Singularität gezogen werden. Die Möglichkeit, sich im anderen zu spiegeln verblasst; es wird in der Einsamkeit der Schaufensterscheibe ein Selbstbild geschaffen ( „ich will so bleiben, wie ich bin.“ ), was allenfalls Attribute von: Schlankheit, Schönheit Fitness suggeriert. Der Wert, der der äußeren Hülle des Selbstbeigemessen wird, lässt das Innere verkommen; es fühlt sich hohl, unvollkommen ungeborgen an. Die Beschäftigung mit dem Äußeren versucht zwar das mangelnde Innere zu befriedigen. Dieser Kompensations-versuch misslingt, da er trotz aller heimlicher Gier und der Erfüllung nach essen die wirkliche Unterversorgung nicht behebt und gleichzeitig die hohen selbstidealen Eigenansprüche untergräbt, was endlose Schuld- und Versagensgefühle nach sich zieht. Der Autonomie willen wird in Bezug zum Umfeld alles vertuscht und intern die sehnsüchtige Bedürftigkeit auf die verschiedenen Essformen verschoben. Essen ist Liebestrank und Henkersmahlzeit gleichzeitig.
Das scheinbare Beziehungsgefüge Mensch und Essen kann sich durch die Öffnung zu einem anderen Menschen hin in eine wirkliche begegnende Beziehung verändern. In einer dann notwendigen therapeutischen Beziehung kann sich die Lebensgeschichte wiedergestalten und in der Auseinandersetzung mit dem Gegenüber angenommen, verstanden und überwunden werden. Jede Form von Sucht ist letztendlich eine Beziehungskrankheit, die durch Beziehung geheilt werden kann. Die sich daraus entwickelnde Bewußtmachung und Bewußtheit für den eigenen Lebensweg und die Lebensform, die dann gewählt wird, sind ein Ergebnis der Auseinandersetzung und haben im guten Fall zu mehr freier Wahlmöglichkeit und damit Chancenerweiterung geführt, was die Fütterung des Selbst mit dem Liebestrank angeht.
 
 
topSeitenanfangDruckversion drucken Diese Seite weiterempfehlen Seite empfehlen