Bulimie und Zeitgeist - Fast-food

Mit der Entwicklung der industriellen Revolution einher geht die Entdeckung des Fast-food. Ursprünglich wurde von Julius Maggi 1900 der Suppenwürfel erfunden, um den Industriearbeiterinnen das Kochen neben der Fabrikarbeit zu erleichtern. Heute ist Instant- und Fast-food in fast jeder Küche das Hauptsächliche und Normale. Was ehemals das Leben erleichtern sollte, hat gleichzeitig zu seiner Entfremdung beigetragen.
 
Eine Entwicklung, die mit der verzerrenden Körperkultur einhergeht, ist die der Expansion von Schnellimbißketten nach amerikanischem Vorbild. Dort kann man zeitgemäß schnell und uniform essen. Eine saubere Umgebung mit uniformiertem Personal sorgt dafür, daß alles „clean“ bleibt. Was als das besondere Essen (Slogan: „Essen mit Spaß“) gepriesen wird, ist ein industriell gefertigtes und leicht zu verdauendes Einheitsessen, das keinerlei Bißfestigkeit voraussetzt. Die Lust am Essen und der Hunger nach Liebe muß sich das Abspeisen mit lauwarmem Einheitsgeschmack gefallen lassen.
 
Jeder, der schon einmal versucht hat, einen Hamburger mit Anstand zu essen, wird nachvollziehen können , wie nah das Fast-food an die Erfahrung des Essens aus der Kindheit anschließt. Es fehlte noch die Verteilung von Lätzchen, damit aus den cleanen Hallen Küchen würden, in denen nette Frauen mit hübschen Schürzen ihr Kleines füttern. Das lustvolle Schmieren mit dem überall hinkleckernden Tomatenketchup könnte dann erlaubt sein und müßte nicht über die Eßakrobatik und die Arbeit mit der Serviette abgewehrt werden.
Was sich anhört wie eine zynische Kritik an einer modernen Ernährungsform, ist der Versuch, zu verstehen, was hinter dieser ungemütlichen, kontakt- und beziehungsfeindlichen Eßkultur stecken könnte. Die im Triebdurchbruch der Bulimikerin deutliche Gier und Destruktivität findet sich in abgewehrter Form besonders deutlich in dieser Fast-food-Kultur wieder. Bei diesem Essen darf nicht verweilt werden, weil es sonst zu einer Begegnung mit der unbewußten Lust am Zubeißen und Herumschmieren kommen könnte. Das „Uneßbare“ muß gänzlich hinuntergeschlungen werden. Es ist genau die Szene der mit Ketchup, Coca-Cola und Schokolade beschmierten Bulimikerin, die das Fast-food mit der Bulimie verbindet.
 
Phantasien von Babynahrung liegen nahe. Teenager scheinen die einzigen zu sein, die sich diesen regressiven Impuls gestatten und sich trauen, zu einem Glas Babybrei zu greifen. Ihnen wird dieses lustvolle „Zurückfallen“ auch nicht verübelt oder höchstens als alberne Kinderei abgetan. Im Grunde aber ist es die Sehnsucht unserer gesamten Gesellschaft nach allumfassender Versorgung. Immer mehr Instant- und Fertiggerichte, denen man nicht mehr ansehen kann, woraus und wie sie hergestellt wurden, lassen den Gegensatz zwischen den Ansprüchen einer aufgeklärten Gesellschaft und den regressiven Wünschen und Impulsen immer größer werden.
 
 
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