Therapie, Lösungsansätze und Auswertung

Die traditionelle Medizin in Form von medikamentöser Behandlung (Psychopharmaka, Appetitzüglern) oder chirurgischen Eingriffen (Kieferverdrahtung, Verkürzung des Dünndarms, Einsetzen eines Magenballons, Fettabsaugemethoden) ist als begrenzte Heilungsmöglichkeit zu werten. Genauso Ernährungsprogramme und Diäten. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung berichtet: Eine Durchsicht der verschiedensten Gewichtsreduktionsprogramme macht deutlich, daß dem Teilnehmer zumeist Strategien der rigiden Verhaltenskontrolle, zumindest jedoch eine bunte Mischung aus flexiblen und rigiden Verhaltensstrategien vermittelt werden. Nach den vorliegenden Befunden müssen damit zahlreiche Maßnahmen und Empfehlungen in vielen Abnahmeprogrammen als kontraindiziert und schädlich eingestuft werden, da sie zu einer Verstärkung von Störungen im Eßverhalten beitragen können. In diesem Zusammenhang werden Diäten als Einstiegsdroge für manifeste Eßstörungen gesehen.

Als erfolgreich in der Behandlung von Eßstörungen haben sich in meiner Praxis in Berlin tiefenpsychologische und familientherapeutische Konzepte in Verbindung mit Körperarbeit erwiesen.
Während einer durchschnittlichen Behandlungsdauer von eineinhalb bis drei Jahren wird aufgearbeitet, was hinter dem Symptom Essen, Ebrechen, Hungern steckt. Individuelle Ursachen werden dabei in einem Gesamtzusammenhang verstanden. Die drei K s : Kinder, Küche, Kirche sind zwar durch neue ersetzt worden: Kinder, Karriere, Kosmetik, was lediglich die Endlosarbeit im Haushalt mit der an der eigenen Schönheit ersetzt hat. Einen Eßgestörten können 5 Pfund mehr oder weniger stärker belasten, als der Konflikt am Arbeitsplatz oder Streitigkeiten in der Familie. Damit ist das Unwesentliche zum Wesentlichen geworden und die eigentlichen Lebenskonflikte liegen verschüttet im Essen - Brechen - Hungern und sind damit emotional nicht mehr verfügbar: Eßstörungen als Intimitätsneurose.
Es geht also darum, zwischen psychischem und physischem Hunger unterscheiden zu lernen, den Kontakt zu Gefühlen und Bedürfnissen wiederzufinden. Letztgenannte werden unter Einbeziehung der vorhandenen Ressourcen zur Verbesserung der Lebensqualität entwickelt. Dabei wird es möglich zu erfahren, daß strenge Regeln und Überzeugungen wie: „man muß vernünftig sein, man darf niemanden verletzen“ zeitweilig übertretbar sind. Erkannt und erlebt wird, daß die Welt nicht nach einem Alles oder Nichts Prinzip funktioniert, sondern nach einem sowohl als auch.

Neben der einzeltherapeutischen Behandlung, die eine Arbeit mit dem Körper mit ein beziehen sollte (Lösung von Muskelverspannungen, Panzerungen, Energieblockaden) ist die Gruppentherapie hilfreich. Oft kann hier erstmals Solidarität und Kommunikation mit anderen erfahren werden. Dies erlaubt die Erkenntnis nicht abnorm zu sein und das Wiederfinden in der/dem Einzelnen, was der Befreiung, der Unterstützung und der gegenseitigen Stärkung dient.
Leider existieren bis dato keine wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zu Therapieverläufen. Ich bin daher innerhalb der letzten zehn Jahre meiner Arbeit in Abstimmung mit meinen PatientInnen zu folgenden Ergebnissen gekommen:
Der Schwerpunkt des Therapieerfolgs liegt in der positiven Veränderung der emotionalen und sozialen Kompetenz des Menschen, die mit einer eindeutigen Symptomreduktion bezw. dem Symptomverlust einhergeht. Entgegen der weitverbreiteten Meinung wird nicht die Symptomfreiheit als ausschließlicher Therapierfolg gewertet, da sehr häufig ein rascher Verlust des Symptoms eine sog. Suchtverlagerung nach sich zieht , die zu anderen gravierenden Störungen im körperlichen und seelischen Bereich führen kann.

Ein guter Therapieerfolg zeichnet sich also durch das Verstehen und Anfreunden mit dem Symptom, einem veränderten Lebensentwurf, Gewichtsstabiliät, Entwicklung eines positiven Körperbildes und der Symptomreduktion bezw. dessen Verlustes aus. Das alles überschattende Gefühl der Unzulänglichkeit ist dem der Selbstachtung und der Fähigkeit eigene Reichtümer und innere Kräfte entdeckt zu haben gewichen. Endlich wird der Selbstwahrnehmung Vertauen geschenkt und Gefühlen Ausdruck verliehen, statt sie wegzuessen. Ca. 70% meiner PatientInnen gaben diese Rückmeldungen.
 
 
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