Hintergrund-Artikel zu Ess-Störungen

Die Sucht nach Essen

Das Wort „Sucht“ wird im allgemeinen mit Alkohol und Drogen, vielleicht auch noch mit Medikamenten, Nikotin und Glücksspiel in Verbindung gebracht. Dabei ist auch die Sucht nach Essen durchaus verbreitet und viele Menschen können dies auch gar nicht verbergen. Hand aufs Herz: Eigenschaften wie dick = dumm, faul, träge schießen den Betroffenen sofort durch den Kopf.
Tatsächlich sind über 500 verschiedene Diäten auf dem Markt und mindestens 15% der Bevölkerung machen ständig eine davon. Jedoch haben 2 von 3 Anwendern nach 6 - 8 Monaten ihr Ausgangsgewicht wieder erreicht oder sogar zugenommen.
Der Adipöse, also Fettsüchtige, ist erfahrungsgemäß durch ein Ernährungsprogramm allein nicht therapierbar. Sein zwanghaftes Verhaltensmuster, sich zu überessen, gründet meist in Angstgefühlen, erlittenen Verletzungen und Grenzüberschreitungen wie Mißbrauchserlebnissen. Die unauffälligere Gruppe der Ess-süchtigen sind die an Bulimie, an einer Ess-Brechsucht leidenden Menschen. Essanfälle können bis zu 15 mal am Tag auftreten. Es werden Berge von Nahrungsmengen verschlungen, die bevorzugt aus Schokolade, Keksen, Kuchen, Eis und Brot bestehen. Ein Anfall kann bis zu 50.000 Kalorien reich sein. Erbrochen wird hinter verschlossenen Türen. Bulimiker verfügen über eine ausgezeichnete Fassade. Sie zeigen sich nach außen dynamisch, erfolgreich, gepflegt und leiden innerlich an immensen Scham- und Schuldgefühlen, einer Verachtung sich selbst gegenüber.

Das zwanghafte Verhaltensmuster der anorektischen Menschen ist es, nicht zu essen. Magersüchtige stellen damit ihre Kontrolle über den eigenen Körper unter Beweis. Es stellt das Mittel der Wahl dar, sich gegenüber Autoritäten und Rollenanforderungen abzugrenzen. Wenigstens Macht über den Körper haben. Oft herrschen in äußerlich harmonischen Familien Rivalitäten der Eltern und rigide Normvorgaben. Magersüchtige sind in der Regel wenig einsichtig, krank zu sein.Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung schätzt in ihrem Ernährungsbericht, dass 800.000 - 2,7 Millionen Menschen im gesamten Bundesgebiet essgestört sind. Für Berlin sind das 40.000 - 500.000 Menschen mitEssproblemen und Folgekrankheiten wie Magen- Darmerkrankungen, Herz- und Kreislaufbeschwerden und Stoffwechselproblemen, Arteriosklerose, Wirbelsäulenschäden, Entzündungen der Speiseröhre, Karies, durch die viel Leid und immense Kosten entstehen.
Essstörungen entwickeln sich über Jahre, von Kindesbeinen an. Die tiefliegenden und schwerwiegenden Gründe dafür lassen sich offensichtlich nicht ausschließlich durch die bisherigen Angebote behandeln. Es ist Zeit, Strategien zu entwickeln und anzubieten.
Diätassistenten, Ernährungsberater und Kochkurse sind hier nicht gemeint. Essgestörte sind gut informiert, um nicht zu sagen: vom Fach. Vielmehr sind Psychotherapeuten mit speziellen Kenntnissen über Ess-Sucht gefragt.


In der Behandlung von Ess-Störungen haben sich bislang tiefenpsychologische und familientherapeutische Konzepte in Verbindung mit Körperarbeit bewährt. Während einer durchschnittlichen Behandlungsdauer von eineinhalb bis drei Jahren wird aufgearbeitet, was hinter dem Symptom Essen, Erbrechen, Hungern steckt. Individuelle Ursachen werden dabei in einem Gesamtzusammenhang zu verstehen gesucht. Einen Essgestörten können 5 Pfund mehr oder weniger stärker belasten als ein Konflikt am Arbeitsplatz oder Streitigkeiten in der Familie. Damit ist das Unwesentliche zum Wesentlichen geworden und die eigentlichen Lebenskonflikte liegen verschüttet im Essen - Brechen - Hungern und sind damit emotional nicht mehr verfügbar.
Es geht also darum, zwischen psychischem und physischem Hunger unterscheiden zu lernen, den Kontakt zu Gefühlen und Bedürfnissen wiederzufinden. Letztgenannte werden unter Einbeziehung der vorhandenen Ressourcen zur Verbesserung der Lebensqualität entwickelt. Dabei wird es möglich zu erfahren, dass strenge Regeln und Überzeugungen wie: „Man muß vernünftig sein, man darf niemanden verletzten“ zeitweilig übertretbar sind. Erkannt und erlebt wird, dass die Welt nicht nach dem Alles-oder-Nichts-Prinzip funktioniert, sondern nach einem sowohl-als-auch. Neben der einzeltherapeutischen Behandlung, die eine Arbeit mit dem Körper miteinbeziehen sollte ( Lösung von Muskelverspannungen, Panzerungen, Energieblockaden ), ist die Gruppentherapie hilfreich. Oft kann hier erstmals Solidarität und Kommunikation mit anderen erfahren werden. Die erlaubt die Erkenntnis, nicht abnorm zu sein und das Wiederfinden in der/dem Einzelnen, was der Befreiung, der Unterstützung und der gegenseitigen Stärkung dient.

Leider existieren bis dato keine wissenschaftlichen Forschungsergebnisse zu Therapieverläufen.
Ich bin allerdings innerhalb der letzten 15 Jahre meiner Arbeit mit meinen PatientInnen zu folgenden Ergebnissen gekommen:
Der Schwerpunkt des Therapieerfolgs liegt in der positiven Veränderung der emotionalen Kompetenz des Menschen, die mit einer Symptomreduktion beziehungsweise mit dem Symptomverlust einhergeht. Entgegen der weitverbreiteten Meinung ist nicht allein die Symptomfreiheit als Therapieerfolg zu werten. Ein rascher Verlust des Symptoms kann auch eine sogenannte Suchtverlagerung nach sich ziehen, die zu anderen gravierenden Störungen im körperlichen und seelischen Bereich führen kann.

Ein guter Therapieerfolg zeichnet sich also durch das Verstehen und Anfreunden mit dem Symptom, einem veränderten Lebensentwurf, Gewichtsstabilität, Entwicklung eines positiven Körperbildes und der Symptomreduktion beziehungsweise dessen Verlustes aus. Das alles überschattende Gefühl der Unzulänglichkeit ist dem der Selbstachtung und der Fähigkeit, eigene Reichtümer und innere Kräfte entdeckt zu haben, gewichen. Endlich wird der Selbstwahrnehmung Vertrauen geschenkt und Gefühlen Ausdruck verliehen, statt sie wegzuessen.
Hauptsächlich erfahre ich, dass zunächst tief verletzte, mittlerweile erwachsene Kinder mein Gegenüber sind. Ganz vorsichtig beginnen sie sich zu öffnen und sich zu zeigen. Dabei werden beim tatsächlich Erwachsenen meist hohe Anspruchsideale, vor allem an sich selbst, deutlich. Sie können gleichzeitig mit Scheu vor Verantwortung einhergehen. Während der Therapie wird es möglich, durch Geduld und der Bereitschaft zur Veränderung sich selbst und dem Leben ja zu sagen. Diese Öffnung erlaubt es, die eigenen Bedürfnisse wahr- und anzunehmen und es zu wagen, sie in die Tat umzusetzen.Neben Elementen aus der tiefenpsychologischen, familientherapeutischen und psychodramatischen Richtung unterstütze ich meine Arbeit auf der feinstofflichen Ebene mit Bachblüten und Reiki-Energie. Als sehr feine und tiefgehende Methode wende ich auch die Cranio Sacrale Therapie an.